Hightech am Ende untersucht das globale Recycling von Elektroschrott anhand mehrerer Fälle: Mithilfe ethnographischer Studien werden politische Aushandlungen um Nachhaltigkeit am Beispiel von Indien besprochen, es werden die Stoffströme eines deutschen Recyclingbetriebs gezeigt und eine gescheiterte Google-Innovation diskutiert.

Auf dieser Seite werden die Kernthesen des Buchs im Schnelldurchlauf vorgestellt.

 

Elektroschrott erlaubt es, einen einzigartigen Blick auf die beiden Mega-Themen der Globalisierung und der Digitalisierung zu werfen. Das Buch tut dies in vier Teilen, die die Argumentation mit eigenen Beiträgen weitertragen.

Das Buch bindet die Leser*innen ein und fordert sie heraus. Neue Daten, überraschende Verbindungen, leicht zu übersehene Akteure oder auch innovative sozialwissenschaftliche Ansätze – die Einsichten sollen einen Unterschied machen, sie sollen Spuren hinterlassen.

Übersicht

Der Einstieg: weg vom individuellen Konsum

Elektroschrott ist ein einzigartiger, faszinierender Abfallstrom. Ständig taucht er in den Nachrichten auf. Der Müllberg wächst – mehr als 50 Millionen Tonnen pro Jahr, wie die United Nations University in ihren renommierten „E-Waste“-Reports schätzt. Und gleichzeitig lernen Konsument*innen durch die vielen Berichte von den seltsamen Routen, die der hauseigene E-Schrott nach der Entsorgung nimmt. Es sind in der Regel Geschichten, in denen Dinge wie alte Computer in den globalen Süden reisen, nach Westafrika oder Asien. Siehe zum Beispiel hier beim Spiegel, hier in der FAZ oder hier beim ZDF.

Was dabei vermittelt wird, ist eine generelle Unsicherheit. Es passiert zu wenig. Müll wird nicht nur nicht vermieden, er macht Verhältnisse und Leben sogar noch schlimmer. Der eigene Konsum macht Leben in der Ferne schlimmer. Aber das greift zu kurz. Kritische Forscher*innen weisen darauf hin,  dass bei derartigen Berichten Rassismus reproduziert und Ungleichheiten verstärkt werden.

Hightech am Ende stellt eine alternative Perspektive vor. Im Umgang mit Elektroschrott wird keineswegs wenig getan, die gesetzlichen und industriellen Veränderungen sind nur schwer zu fassen. Sie finden auf einer infrastrukturellen Ebene statt, die nach einer besonderen Aufmerksamkeit verlangt. Zugleich lautet das zentrale Argument des Buchs, dass deswegen der Fokus auf individuelle Verantwortung – etwa auf Haushalte – viel zu kurz greift. Es sind industrielle Praktiken, die für den meisten Müll und die giftigsten Abfälle verantwortlich sind; Konsument*innen können hier nicht steuern und wissen nicht einmal von vielen industriellen Routinen. „Infrastrukturen,“ so argumentiert das Buch, „damit zusammenhängende Produktionssysteme und ihre Pfadabhängigkeiten sind hauptsächlich verantwortlich für materiellen Output, also Ener gieverausgabung, Reste und Abfälle.“ Die Verhältnisse sind schwer zu schätzen, aber nur zwischen 3 und 9 Prozent des Elektroschrotts sind Haushaltsabfälle, und selbst diese Abfälle sind stark vermittelt. Die genaue Berechnung dessen sei hier nicht von zentraler Bedeutung, das ist eine Kontroverse für sich, wie das akademische Blog „Discard Studies“ im Detail zeigt.

Hightech am Ende entwickelt die These, dass in den letzten drei Dekaden eine Infrastruktur des Hightech-Recyclings aufgebaut wurde. Man muss sich diese Infrastruktur anschauen, wenn man den Umgang mit Abfällen verstehen will. Durch den Blick auf die alltägliche Arbeit an und mit der Hightech-Infrastruktur, unter Berücksichtigung ihrer Geschichte, erhält man einen neuen Blick auf gesellschaftliche Strukturen und Dynamiken. Daher will das Buch das

„[…] Hightech-Recycling[] als soziale Praxis mit einer Geschichte [dekodieren]. Was genau ist eigentlich das Problematische an Elektroschrott, und was steht hinter dem fachgerechten Recycling, von dem bei Elektroschrott die Rede ist? Ich will die Wertedieser Praxis diskutierbar machen (Dussauge et al. 2015) – Werte, die durch Mittel und Zwecke einer spezifischen Nachhaltigkeitspolitik fundiert sind, die in Techniken und Debatten eingeschrieben sind, die von bestimmten Akteuren mit gewissen Kompetenzen hervorgebracht werden, die also auf Praktiken beruhen, die aber oft unsichtbar sind und die mit Nebenfolgen unterschiedlicher Art in Verbindung stehen. Das Hightech-Recycling verarbeitet nicht nur Elektroschrott, es tut dies anhand von unterschiedlichen Vorstellungen von Wertigkeit, die aufgegriffen oder neu hergestellt werden. “ (Laser 2020, S. 7)

Wert und Abfall zusammen denken

Das Buch nimmt eine soziologische Perspektive ein, mit einer besonderen Sensibilität für die Art und Weise, wie Wissenschaft und Technik in der Gesellschaft verankert sind. Die Idee lautet, dass man mit einem Blick auf Abfälle (hier: Elektroschrott) Neues über Bewertung und Wert-Ordnungen lernen kann – also über Grundbegriffe sozialwissenschatlicher Forschung. Abfall ist mehr als die Kehrseite von Wert. Daraus ergeben sich vielfältige grundlagentheoretische Innovationen, die an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden sollen. Denn dieser Blick führt zu ganz konkreten Folgen.

Wichtig ist, dass Hightech am Ende Elektroschrott konsequent global denkt. Die Bewertung und Verarbeitung von E-Schrott verläuft über Grenzen hinweg, und zur Analyse dessen benötigt es besondere Methoden. Es werden qualitative, explorative Methoden gewählt, die ein tieferes Verständnis der Phänomene erlauben. Und es werden drei unterschiedliche Orte besprochen und miteinander in Verbindung gesetzt.

Ein Gesetz in Indien

Der erste empirische Teil des Buchs dikutiert ein Gesetz in Indien: die „e-waste (Management and Handling) rules“. Mit diesem Gesetz hat die Regierung die Wertschöpfungsketten der Elektronikindustrie mitsamt ihrer Abfälle neu geregelt. Und das Gesetz wurde rund ein Jahrzehnt lang intensiv verhandelt. Diese Verhandlung steht im Fokus der Analyse. Teilnehmende Beobachtungen, Interviews und eine kritisch-kreative Lektüre von formellen Dokumenten bieten einen Blick in die Dynamik der Aushandlungen, und in die Konsequenzen.

In der Auseinandersetzung mit Klima- und Umweltpolitik geht kein Weg an Asien vorbei. In Indien wird auch schon seit Jahrzehnten Elektroschrott verarbeitet, hier finden sich die Pioniere, auch wenn sie oftmals als dem „informellen Sektor“ zugehörig abgewertet werden. Tatsächlich sollte genau dieser „Sektor“ mit dem neuen Gesetz ausgeschaltet werden, damit „saubere“ Methoden übernehmen können.

Dieser erste Teil verfolgt die Transformation der Wertschöpfung hin zum neuen Gesetz und entwickelt dabei drei Argumente.

 

Die NGO Toxics Link bietet Berichte zur Lage vor Ort.

Erstens lässt sich über den Blick auf Abfälle die indische Ökonomie gut nachvollziehen. Folgt man dem Müll, lernt man gesellschaftliche Hierarchien, kreative Akteure, aber auch die Quellen giftiger Abfallströme kennen.

Zweitens macht der indische Fall deutlich, dass im Laufe der 2000er Jahre ein Schwenk vollzogen wurde. Als neue Kernakteure im Umgang mit Elektroschrott setzten sich Hightech-Recycler durch, die alte Schrotte schreddern und schmelzen, um „frische“ Ressourcen für die Produktion neuer Güter bereitstellen. Ähnlich ist es in Europa. Das Buch nennt das die „Hegemonie des Hightech-Recyclings“.

Entscheidend ist drittens, dass der Großteil der Arbeit des „informellen Sektor“ keineswegs dreckig ist, aber die öffentliche Diskussion dies unzweifelhaft so erscheinen lässt. Die kreativen, aber nur teils dreckigen Arbeiten von Müllsammler*innen und Bastler*innen wurden systematisch abgewertet. Die „informelle“ Ökonomie macht in Indien rund 90% der Menschheit aus. Ein Verdrängen kann nicht gelingen, die neue Politik zwingt Akteure eher zu radikaleren Methoden, und leider macht sie Gewalt wahrscheinlicher.

Elektroschrott auf dem Recyclinghof

Im zweiten empirischen Teil des Buchs wird die Arbeit eines Recycling- und Schmelzbetrieb unter die Lupe genommen. Die Grundlage dessen ist eine zweimonatige teilnehmende Beobachtung.

Wenn Hightech-Recycling ein relativ neuer und zugleich zentraler Umschlagplatz von Elektroschrott ist, muss besprochen werden, was hier eigentlich passiert. Dabei widmet sich das Buch dem ganz praktischen Wissen, das zur Verarbeitung der Materialien notwendig ist.

 

Eine typische Situation auf einem Sammelplatz, die im Buch im Detail rekonstruiert wird.

Erstens wird dafür argumentiert, den Blick beim Recycling nicht auf die Produktivität von Maschinen zu verengen. Es sind fein kalibrierte Maschinen im Einsatz, und die Einhaltung von Recyclingquoten ist etwa auch ein zentrales Instrument in der Welt des Recyclings. Aber damit haben die Firmen kein Problem, die Herausforderung ist eine andere.

Zweitens plädiert das Buch daher dafür, dass man die minutiöse Vermessung der Materialien als zentrale praktische Herausforderung anerkennen muss. Der Recyclingbetrieb verarbeitet nicht nur Materialien, er tut dies anhand bestimmter Bewertungen, die ständig justiert und arrangiert werden. Die Erfahrungswissen benötigen.

Das Wissen eines Recyclers ist lokal situiert, aber es ist auch global eingebunden – in die Dynamiken der Finanzwirtschaft. Baggerfahrer und Vorarbeiter (es sind hier fast nur Männer unterwegs) reagieren auf den Rhythmus der Finanzwirtschaft, die ein Betrieb wie der hier untersuchte aber auch mit eigenen Initiativen steuern möchte, zumindest etwas.

Alternative Designs

Hightech-Recycling meint einerseits Schredder- und Schmelzmaschinen. Es meint aber auch ein bestimmtes Design. Im dritten empirischen Teil des Buchs wird eine Innovation von Google besprochen, die Elektroschrott antizipieren wollte. Im Fokus steht mit „Ara“ ein „modulares Smartphone“, das im Vergleich zu üblichen Geräten unter besseren Bedingungen produziert und vor allem durch seine Gestaltung länger haltbar sein sollte. Dieser Teil des Buchs wählt eine etwas andere Perspektive, da vor allem Online-Interaktionen rekonstruiert und analysiert werden.

 

Die Vision. Via phonebloks.com

Erstens plädiert das Buch hier zunächst dafür, sich Smartphones als Geräte genauer anzuschauen, um zu sehen, warum es ein zentrales Symbol im Umgang mit Elektroschrott ist. Hier erhält man einen Blick auf die Arbeits- und Denkweise des Silicon Valleys und seiner Kernakteure, man lernt aber auch schnell etwas über große Infrastrukturen wie Telefonnetzwerke und Serverfarmen, ohne die die „mobile Revolution“ undenkbar gewesen wäre.

Zweitens folgt das Buch der Google-Innovation, die eng verbunden ist mit der Initiative einer sozialen Bewegung namens „Phonebloks“, die sich für ein „phone worth keeping“ eingesetzt haben. Die Ökonomie der digitalen Industrien zeigt sich hier als grundlegend moralische Ökonomie. Das „Project Ara“ wurde mehrere Jahre lang entwickelt und vor allem auch auf online „gestreamten“ Entwicklerkonferenzen diskutiert und weiterentwickelt.

Drittens geht der Teil aber auch dem „Ende“ des Projekts auf den Grund. Ara ist 2015 gescheitert, und es drängt sich die Frage auf, was man aus dem Scheitern lernen kann. Man erhält einen Einblick in die grundlegenden Handlungsroutinen des „Silicon Valleys“, in dem das Scheitern scheinbar produktiv gedacht wird. „Scheinbar“, weil die Akteure eigentlich wenig aus dem Scheitern lernen wollen, sie versuchen vielmehr, starke und disruptive Industrien aufzubauen, die schnell abgeworfen werden müssen, wenn sie sich als nicht stabil herausstellen. Modulare Smartphones wären nur scheinbar nachhaltig gewesen; sie offenbaren vielmehr einen Blick in die Routinen der zeitgenössischen Datenökonomien.

Fazit

Das Buch schließt im vierten Teil mit konzeptionellen Thesen und einer generellen Synthese.

Einerseits wird die zeitgenössische Verarbeitung und Inwertsetzung von Elektroschrott mit Blick auf die Kreislaufwirtschaft diskutiert. Dabei zeigt sich die Dominanz bestimmter europäisch-amerikanischer Werte, vor allem zeigt sich ein ganz bestimmter Umgang mit Abfall. Vor diesem Hintergrund wird die Kreislaufwirtschaft kritisiert: Sie geht zu vorsichtig mit Elektroschrott um, eine Reduktion von Abfällen ist aktuell nicht eingetreten, und sie wird unter den gegebenen Umstanden auch nicht eintreten.

Andererseits wird unabhängig von der politischen Komponente gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit einer global verteilten Infrastruktur sozialwissenschaftlich gewinnbringend ist – die Analyse bürokratischer Ordnungen und ihrer Eigenlogiken, das Hereinzoomen in alltägliche industrielle Handlungen wie auch das Aufbrechen von Innovationsdynamiken erlauben einen frischen Blick auf die Art und Weise, wie Wissen hergestellt und wie um Wissen gestritten wird. Vor allem zeigt sich, wie um die Herstellung von Wert gestritten wird – und dass es bei Elektroschrott um mehr geht als ökonomischen Wert. Daraus folgt im Buch ein Plädoyer dafür, Wirtschaften umfassender zu denken. Mit und durch Abfall zu denken erlaubt dann, die Themen der Globalisierung und Digitalisierung offener zu erkunden.