Das Buch leistet Grundlagenforschung rund um den Wert von Elektroschrott. Es stellt politische Antworten nicht ins Zentrum der Analyse. Aber sie sind ein wichtiger Teil der Debatte. Hightech am Ende schlägt daher am Ende der Analyse mehrere Ansätze vor, wie die Umweltpolitik um Elektroschrott neu ausgerichtet werden kann. Das Ziel ist eine differenzierte Kritik, die einbindet und mobilisiert. Das Ziel ist auch, neue Ideen zu entwickeln und wachsen zu lassen (direkt zu diesem Punkt springen).

Dafür müssen aber vorab zwei Hürden aus dem Weg geräumt werden.

Zwei Hürden

Die aktuelle Diskussion von Elektroschrott konzentriert sich erstens zu sehr auf individuelle Verantwortung. Es ist nicht entscheidend, jede einzelne Konsumhandlung zu hinterfragen. Die Diskussion persönlicher Entscheidungen lenkt sogar von politischen Kräften ab. Kauft und kaufen Sie ruhig elektronische Geräte, achten sie vielleicht auf Dinge wie Reparaturfähigkeit und Fair Trade-Marken, wenn die Auseinandersetzung mit diesen Themen Spaß bereitet (vielen, aber nicht allen Personen macht das Spaß). Es ist aber nur bedingt hilfreich, sich von derartigen Fragen lähmen zu lassen. Es ist sogar kontraproduktiv, wenn man sich über solche Dinge streitet. Die US-amerikanische Abfallforscherin Samantha MacBride hat dafür den Begriff der „busy-ness“ geprägt. Sie beschreibt damit einen Umweltaktivismus, der zwar „bewusst“ bestimmte Entscheidungen reflektiert und dabei viel Einsatz zeigt. Das ist eine große Ressource. Aber sie erkennt dabei vor allem unwirksame, eben beschäftigte Individuen, die ihre Kräfte ineffizient einsetzen. Der eifrige Umweltaktivismus rund um Elektroschrott übersieht allzu leicht die Verantwortung industrieller Akteure.

Inspiriert durch einen Beitrag auf dem exzellenten Blog Discard Studies

Individuelle Konsumentscheidungen produzieren nur wenig Abfall, vor allem wenig giftigen Abfall. Der geht auf industrielle Praktiken zurück. Auf die Arbeits- und Produktionsweisen der Industrie haben Konsument*innen jedoch wenig bis gar keinen Einfluss. Viel wirksamer als der Kauf eines als nachhaltig beworbenen Geräts ist es daher, auf Kräfteverhältnisse und kollektive Ordnungen einzuwirken, die industrielle Routinen ändern – die Müllvermeidung als umfassende Herausforderung mit ungleich verteilter Verantwortung anerkennen. Dabei können bestimmte Lebensweisen infrage gestellt werden, aber Plädoyers sollten hier immer über einzelne Verhaltensroutinen hinausgehen.

Ein anderes Beispiel für beschäftigte Individuen – und eine zweite Hürde – ist die zeitgenössische Obsession mit Exportdaten. Wenn Elektroschrott in den deutschen Medien besprochen wird, steht oftmals E-Schrott im Zentrum, der scheinbar unkontrolliert durch die Welt reist. Der vornehmlich aus Ländern wie Deutschland nach Westafrika reist. Das löst für gewöhnlich Empörung aus. Reportagen zeichnen Verhältnisse in der Elektroschrott-Aufbereitung nach, die weit entfernte Orte wie eine Hölle darstellen lassen. Dazu gibt es sogar Filme, die Kinosäle füllen.

Das ist aus zweierlei Hinsicht problematisch.

Einerseits sind Halden wie Agbogbloshie keine Höllen, wie es die Reportagen erscheinen lassen. Es sind komplexe urbane Zentren mit einer teils widersprüchlichen Geschichte. Hier arbeiten Personen mit viel Erfahrung und einzigartigem Wissen, etwa Wissen zur kreativen Reparatur von alten Geräten. Und wenn dort Personen mit gefährlichen Methoden arbeiten, tun sie dies in der Regel, weil sie keine Alternative sehen. Es ist ihre Strategie, um an den Versprechen der Moderne teilzuhaben. Kritische Reportagen, die vielleicht mit einer guten Absicht gestartet sind, lassen diese Dinge durch ihren reißerischen Fokus schnell in den Hintergrund rücken.

Andererseits ist der Fokus auf Exporte in den globalen Süden irreführend. Wie der Geograph Josh Lepawsky mit einer Datenanalyse gezeigt hat, ist der Export aus „entwickelten“ in „Entwicklungsländer“ nicht entscheidend. Handel mit alten Elektronikgeräten findet vor allem zwischen Ländern des globalen Südens statt. Der afrikanische Kontinent ist ein Nettoexporteur. Damit sind europäische Exporte nicht irrelevant, aber Prioritäten verschieben sich. Nicht zuletzt gilt es anzuerkennen, dass deutsche E-Schrott-Abfälle vor allem innerhalb Europas auf die Reise gehen. Das ist auch die offizielle Ressourcenstrategie der Europäischen Union.

Der kumulierte Im- und Export von Elektroschrott, mit Deutschland in der Mitte. 2004 bis 2016. Die Farben repräsentieren Kontinente, blau, d.h. in der Mitte und links-unten, ist Europa. Die Größe der „Flows“ spiegeln Mengenverhältnisse.
Aufgearbeitet und gestaltet von Josh Lepawsky. Europe Now Journal

Den zu starken Fokus auf individuelle Verantwortung und scheinbar eindeutige Exportverhältnisse gilt es in der politischen Verhandlung abzuschütteln. Hier ist es Politik, mit den Akteuren aus dem globalen Süden zu reden. Nicht über sie. Dann können kollektive Herausforderungen und gemeinsame Kämpfe freigelegt werden.

Eine neue E-Schrott-Politik

Hightech am Ende bespricht verschiedene Ansätze, um die Fragen anzugehen, und setzt sich dabei etwa auch kritisch mit der aktuellen europäischen Kreislaufwirtschaft auseinander. Sie ist kritisch zu sehen, weil sie Abfälle recht einseitig diskutiert, nämlich meist negativ, das heißt als Gefahr. Vor allem die Reparatur bietet hier Reserven, und sie wird nur wenig wertgeschätzt, insbesondere wenn man sie mit den großen Förderinitiativen vergleicht, die Schredder- und Schmelzbetriebe erhalten.

Im vierten Teil des Buchs werden politische Fragen durchgespielt, Politische Konsequenzen und neue demokratische Impulse stehen im Fokus. Es ist ein Plädoyer für eine neue Auseinandersetzung mit ganz ausgewählten Fragen:

  • Wie kann die Kreislaufwirtschaft industrielle Verantwortung wirklich in das Zentrum stellen? In der Auseinandersetzung mit Haushaltsmüll gibt es viel Kreativität und politischen Drang. Wie kann die Reichweite erhöht werden, um Müllvermeidung aggressiv anzugehen?
  • Wie kann das Wissen über die Mengen und die Verteilung unterschiedlicher Elektroschrotte verbessert werden? (Denn Schätzungen wie etwa über das Verhältnis von Haushalts- und Industrieabfällen sind aktuell nur grobe Schätzungen, was das Problem verdeutlicht.)
  • Wie kann die Reparaturfähigkeit von elektronischen Geräten gefördert werden? Wie weit geht etwa das angekündigte EU-Gesetz zum „Recht auf Reparatur“? Wie können die Ursachen von Obsoleszenz besser erforscht werden, jenseits von Stereotypen?
  • Wie können lokale Initiativen aufgebaut werden, die Nutzer*innen stärken?
  • Wie gelingt globale Solidarität? Wie können Initiativen wechselseitig voneinander lernen?
  • Wie kann aus einem Projekt wie dem Fairphone mehr als ein „proof of concept“ werden? Wie rückt die politische Verantwortung der großen Produzenten in den Fokus?
  • Welcher Müll soll produziert werden? Welche dreckigen Materialien sind vertretbar, wie viele, wo? Wie kann man solche Fragen demokratisch angehen? Bieten proaktive Regulierungen anderer Industrien gute Vorbilder?

Die Fragen sind Beispiele für eine Neuausrichtung. Das Problem lässt sich auf einen Satz herunterbrechen: Die zeitgenössische Umweltpolitik ist dadurch gekennzeichnet, dass sie auf Ausstöße reagiert. Es wird Müll produziert, um ihn dann zu handhaben. Wie könnte die Perspektive umgedreht werden? Das heißt nicht, danach zu fragen, wie Müll einfach ausradiert werden kann, denn ein Leben ohne Müll und Schaden ist nicht möglich. „Zero-Waste“ klingt verlockend, ist aber so gesehen etwas irreführend.

Akteure mobilisieren, Ideen voranbringen

Vorschläge für konkrete Werkzeuge könnten an dieser Stelle diskutiert werden, aber es ist die Versammlung in und mit Bewegungen, mit der das Buch schließt. Politik-Werkzeuge müssen sozial wie technisch verankert, das heißt auch lokal situiert werden. Deswegen argumentiert Hightech am Ende dafür, sich für politische Bewegungen und Assoziationen einzusetzen. Es ist ein Plädoyer für eine Demokratisierung.

Die alternative Bildsprache der „Global Alliance of Waste Pickers“. Müllsammler*innen spielen auch bei Elektroschrott eine zentrale Rolle, sie leisten infrastrukturelle Arbeit, haben ein enormes Wissen, werden aber oft ignoriert.

Wichtige Arbeit, die man unterstützen kann, leisten die deutsche Stiftungsgemeinschaft „anstiftung & ertomis“; der vzbv und andere mobiliseren für ein umfassendes Recht auf Reparatur; der NGO-Verbung „coolproducts“ verlangt ein radikales Umdenken, um Produkteffizienz langfristig zu denken; die Degroth-Bewegung verschwestert sich mit der postkolonialen Post-Development-Bewegung, um die ökologische konsequent mit einer sozialen Transformation zusammen zu denken; die Tech Workers Coalition setzt sich für eine inklusive IT-Industrie ein; das Chinese Working Women Network tut dies mit einem besonderen Blick auf die Ausbeutung von Migrantinnen bei Foxconn und ähnlichen Produktionsfirmen; und in diesem Sinne gilt es emanzipatorische Initiativen wie die Global Alliance of Waste Pickers anzuerkennen und zu unterstützen, die die vielschichtigen Situationen und den Beitrag von Müllarbeiter*innen aus dem globalen Süden sichtbar machen.

Diese und viele andere Akteure mobilisieren für neue politische Ansätze, für neue Ideen, und nicht zuletzt für die Vermeidung toxischen elektronischen Abfalls.